
Roger Köppel, Eigentümer und Chefredakteur der "Die Weltwoche", über Russland, westliche Arroganz, die Gefahr eines Weltkriegs und die falschen Lehren, die die Deutschen aus der Geschichte gezogen haben.
Teil eins
Die Schweizer Sendung ist etwas länger geworden, weil ich dort am Ende noch ausführlich über das Thema Ukrainekrieg gesprochen habe und insbesondere über die für mich Besorgnis erregende geschichtsphilosophische Fortschrittsarroganz, die den Blick unserer Medien und auch Weiterteile unserer Politik auf diesen Konflikt prägt. Das gilt jetzt, das klingt jetzt sehr abgehoben. Der geschichtsphilosophische Arroganzmythos, die geschichtsphilosophische Überlegenheitsattitüde.
Was ist damit genau gemeint ? Damit ist gemeint, dass unsere Medien und unsere Politiker aus der Optik reden von Leuten, die das Gefühl haben, sie stehen an der Spitze der zivilisatorischen Entwicklung:
"Wir sind die Guten. Wir sind die Demokraten. Wir verkörpern die Freiheit. Wir verkörpern den Rechtsstaat".
Und auf der anderen Seite, das ist "die finsterste Barberei, das sind die Autokraten, das sind die Diktatoren, das sind die Verbrecher, die Kriegsverbrecher, die Menschenrechtsverletzer und die Völkerrechtszertrümmerer".
Aber wir sind sozusagen die "zivilisatorische Avantgarde", "wir sind die Gralshüter des guten wahren und schönen" und das ist Mumpitz, das ist Unsinn, das ist der größte Schwachsinn, der da erzählt wird und das ist eine Wiederholung übrigens der gleichen Denkmuster, die in Europa schon einmal vor 85 Jahren zu einem Vernichtungskrieg geführt haben gegenüber der Sowjet Union.
Diese geschichtsphilosophische Arroganz Betrunkenheit, diese Besoffenheit, die hat schon damals die Regierenden in Deutschland besählt. Man war der Auffassung ideologisch fanatisiert, noch extremer als heute. Aber weil wir uns ja einbilden über diese Zeiten erhaben zu sein, unsere Lehren aus der Geschichte gelernt zu haben, ist es eben umso bestürzender, dass sich da zumindest verwandte ähnliche Denkmuster zeigen, nicht die gleichen Verhaltensweisen. Muss da immer differenziert bleiben. Aber die Denkmuster sind die gleichen, nämlich das Denkmuster der Überlegenheit: "wir stehen auf der richtigen Seite der Geschichte".
Und wenn Sie in diesem Film unterwegs sind, dann sind Sie auf einem Zug, auf einer Höllenfahrt in den Abgrund. Denn wer glaubt auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen, der verpasst das Wesentliche, der unterlässt das Wesentliche, worauf es in der Politik ankommt, im menschlichen Handeln, nämlich die Berücksichtigung der Konsequenzen des eigenen Handels.
Man fühlt sich so gut, dass man übrigens auch keinen Widerspruch duldet:
"Was ? Sie kritisieren mich. Ah, sie sind ein Landesverräter. Sie sind vom Putin hypnotisiert, gekauft. Sie sind eine fünfte Kolonne. Sie muss man ausmauern, brandmauern. Sie muss man canceln auf dem Scheiterhaufen der politischen Korrektheit und unserer eingebildeten Wahrheit sollen sie brennen".
Es sind ganz, ganz gefährliche Schablonenverblendungen, ideologische Fixierungen, die vor allem auf unserer Seite auf der westlichen Seite zu beobachten sind. Nein, wir stehen nicht auf der richtigen Seite der Geschichte. Wir stehen in einem Konflikt mit konkreten Ursachen. Diese Ursachen sind gar nicht besonders kompliziert.
Sie sind ganz einfach, wenn man bereit ist, sie zu sehen. Aber wenn man natürlich glaubt, dass wir hier das gute, wahre und schöne verkörpern, dass wir die Sendboten des Himmels sind, gewissermaßen die Vollstrecker des göttlichen Willens der Freiheit. Wenn wir alles kleine Hegelianer sind, die uns als beauftragte, als Briefträger des Weltgeistes sozusagen, des Wirklichkeit verkörpernden absoluten Guten betrachten wollen, dann unterliegen wir einer ganz schweren Täuschung, einem schwerwiegenden Irrtum und sind eben nicht in der Lage, eine Lage, nämlich unsere Lage zu analysieren und zu verstehen.
Wir sind dann auch nicht bereit der anderen Seite zuzuhören. Mit anderen Worten, dieses Malör, das wir haben, das ja in den deutschen Medien nicht einmal annähernden thematisiert wird, weil diese Medien ja selber gefangene und vor allem auch Durchlauferhitzer dieses falschen Denkens einer verabsolutierten Überlegenheit eben eines Fortschrittsmythos sind.
Der eben ein Mythos ist, weil wir uns einbilden, etwas Besseres zu sein, weil wir uns einbilden, mit den Gesetzen der Geschichte gewissermaßen im Einklang zu stehen.
Und das sind in der europäischen Geschichte immer die gefährlichsten Irrtümer gewesen, weil man dann nicht mehr bereit ist, rational auch die Schattenzeiten, die Konsequenzen des eigenen Handelns überhaupt nur in Betracht zu ziehen, geschweige denn mit den anderen zu reden.
Nein, für den anderen, für den Gegner hat man nur Verachtung übrig:
"Wer der Russe, Putin, dieser Diktator, dieser Finsterling, der seine politischen Gegner umbringen lässt, der einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg führt, der hunderttausende von Kindern entführen lässt, der "Kinderfresser aus dem Osten".
Meine hier aktualisieren sich Feindbilder gerade zuerst der Mottenkiste der Geschichte des letzten Jahrhunderts mit ihren zwei Weltkriegen.
Und darauf habe ich hingewiesen in meiner schweizerischen Sendung und vielleicht sollten Sie sich das anschauen, weil ich glaube das noch interessant ist und Ihnen eine andere Blickrichtung eröffnet auf diesen Krieg, der mich mit höchster Sorge erfüllt, mit viel mehr Sorgen als das, was da im Nahen Osten passiert. Aber unsere Medien sind obsessiv dran jetzt da sich in diese biblischen Auseinandersetzungen hineinzuschreiben.
Vielleicht auch deshalb, weil man darin eine Möglichkeit sieht, diesen verhaltensauffälligen amerikanischen Präsidenten Trump eins auszuwischen und den Israeli, die man im Moment als ja sozusagen die Verkörperung des Bösen im Nahen Osten betrachtet.
Für mich ist eben dieser Krieg, der Straße von Hormus, Iran, Israel, das sind biblische Auseinandersetzungen viel gefährlicher und eben geeignet sich zum Weltkrieg auszuwachsen, dass ist dieser Ukraine Konflikt. Und er wird sich zum Weltkrieg auswachsen, wenn die westliche Seite, wenn vor allem die Europäer nicht realisieren, in was für einer gefährlichen Lage sie stecken und dass diese Lage umso gefährlicher wird.
Je mehr sie das tun, was die Medien, was die Politik in ihrer täglichen Berichterstattung, in ihrer täglichen Bedröhnung fordern, nämlich noch mehr kriegerischen Druck auf Russland auszuüben, Russland strategisch besiegen zu wollen, ja, wieder einige Schreibtischstrategen und Generäle in den USA sagen: "Russland zu zerteilen, zu zerspalten und dafür zu sorgen, dass in Moskau, in Moskovien Anspielungen zu früheren Konstellationen sind durchaus gewollt, dass da dann Untertanenregierungen installiert werden, auf das wir die Krone der Schöpfung, die Avantgarde der Zivilisation das sagen haben bei diesem russischen Barbarenvolk, das so unerleuchtet ist, dass es sich von einem Finsterling wie Putin regieren lässt".
Ja, in dieser ganzen Verachtung Putin gegenüber artikuliert sich noch einmal die geballte Verachtung der Hochmut gegenüber den, sagen wir es doch deutlich, slawisch-russischen Untermenschen jener Ideologiefabrikation, wie sie in Europa schon das größte Unheil angerichtet hat.
Und diese historischen Parallelen müssen wir ziehen in einer Zeit, in der die deutschen Medien jetzt mit Nazikarteien aufwarten, um da der heute geborenen Wohlstandsverwahrlosten Generation die Möglichkeit zu geben, sich moralisch zu empören über die eigenen Großväter, über die eigenen Vorfahren, die in der NSDAP waren. Ich komme dann darauf noch zu sprechen, was ich von dieser Vergangenheitsbewältigung oder vielleicht auch von dieser Gegenwartshochstilisierungsübung halte, die jetzt übrigens auch in Schweizer Zeitungen groß abgefeiert wird.
Originalbeitrag Weltwoche Daily International