
Roger Köppel, Eigentümer und Chefredakteur der "Die Weltwoche", über Russland, westliche Arroganz, die Gefahr eines Weltkriegs und die falschen Lehren, die die Deutschen aus der Geschichte gezogen haben.
Teil drei
Denn das habe ich in der Schweizer Ausgabe auch gesagt, was natürlich ausgeknipst wird mit diesem Ansatz ist jede Selbstkritik ist jede Überlegung nach dem Muster ja, ist unsere Politik eigentlich richtig ? Sind wir bereit, die Konsequenzen unseres Handelns zu tragen und sehen wir die Ursachen dieses Krieges richtig?
Nein, wir sehen sie natürlich falsch, denn dieser Krieg ist eben nicht einfach aus heiterem Himmel ein unprovozierter Angriffskrieg, wie das die Engländer und die Amerikaner behaupten, sondern das ist eine provozierte Reaktion auf die NATO-Osterweiterung, auf den ganz gezielten Versuch westlicher Strategen Russland strategisch zu schwächen, Russland herunterzudrücken auf den Status einer minderen Macht, die nicht mehr in der Lage ist, ihre außenpolitischen Sicherheitsinteressen durchzusetzen. die quasi zum Untertanengen der westlichen Sieger der Geschichte degradiert werden soll.
Ähnlich wie das im Zweiten Weltkrieg mit einer natürlich rassistisch übersteuerten Sprache die Nationalsozialisten wollten. Die haben auch gesagt, "wir müssen Russland aufteilen, Moskovien, Weißrussland, all diese Gebiete, die Ukraine, das wird aufgeteilt, da werden Stadthalter hingestellt und diese slawischen Untermenschen, die sich ja sowieso nicht selber regieren können, die ja nur die despotische Herrschaft gewohnt sind, die werden dann unter deutscher Anleitung segensreich in die Zukunft als untertanem Volk unseren Bedürfnissen dienen können". So hat man das gesagt.
Und erschreckend ähnlich klingt das heute aus den Hauptquartieren amerikanischer Strategisch, wenn die hinsitzen. Da sind auch Historiker dabei, da sind auch Deutsche dabei. Ich habe das in Berlin alles miterlebt.
Da hat man über die Aufteilung von Russland gesprochen. Man hat darüber gesprochen, dass eben die Russen nicht in der Lage sind, demokratische Strukturen auszubilden und deshalb werde man dieses Land aufteilen und die Rohstoffe entsprechend abgreifen können, um sich der geopolitischen Auseinandersetzung mit China zu stellen.
Das sind die gleichen Herrenreiterfantasien und wissen Sie besorgniserregend ist, dass man sich dann eben einbildet in dieser Fortschrittsverblendung, in dieser Anmaßung der Arroganz, in diesem Arroganzmythos, dass die Russen auch noch blöd sind und das nicht merken.
Aber sie merken es natürlich und sie verteidigen, sie wehren sich dagegen und für sie hat das eine existentielle Dimension. Das hat man jetzt auch gesehen bei dieser Putin Rede. Vielleicht komme ich noch darauf, in diesen Interviews, wo er ganz klar gesagt hat, der Western unternimmt den Versuch, uns strategisch zu schwächen. Sie möchten nicht, dass wir als unabhängige Macht unsere Interessen auch behaupten können, dass wir sicher unsere Souveränität ausleben können, unsere nationalen Interessen selber bestimmen können. Das wollen sie nicht im Westen und der darum wehren wir uns und darum kämpfen wir.
Und wenn wir uns da nicht wehren, wenn wir uns nicht verteidigen gegen diese Form der westlichen Aggression, die mit Hilfe der Ukraine ausgetragen wird, die Ukraine ist sozusagen der Vorschlaghammer, der Baseballschläger, den man benutzt, um Putin die Zähne auszuschlagen, um ihn zu enteiern gewissermaßen, wie er da auch in einigen dieser Kreise ganz offen geredet wird. Und das sagen natürlich die Russen, nein, das lassen wir uns nicht bieten.
Und darum werden in Russland auch geschichtliche Aufarbeitung getätigt und die sind natürlich auch darauf abzielend, die Kriegsbereitschaft heute zu fördern und die werden dann entsprechend ins Lächerliche gezogen in unserer Publizistik.
Aber meine Damen und Herren, bilden wir uns nicht ein, dass wir etwas Besseres sind. Bei uns läuft genau das gleiche. Und jetzt könnte man einmal offen darüber diskutieren, welche Geschichtsdeutung eigentlich die der Realität näherkommende ist. Ist sie russische oder ist diese Geschichtsverklärung mit dem Ziel den heutigen Generationen einen moralischen Überlegenheitskomplex einzuimpfen?
Dann würde ich sagen, sprechen nicht wenige Argumente eigentlich für die russische Sicht, die sich eben wehrt gegen den Versuch Russland zu einem Untertanen Gebiet des Westens herunterzudrücken. Und das ist die existentielle Dimension, die man natürlich bei uns nicht wahrnehmen möchte, die man wegwischt als russische Propaganda eben in dieser Überheblichkeit.
"Ich muss mich doch gar nicht mit den anderen unterhalten. Was bringt das überhaupt mit den Russen zu reden ? Ja, sie sind eine fünfte Kolonne, sind ein Landesverräter, wenn sie mit den Russen reden. Wenn ich mit den Russen rede, das wird sich vermutlich Friedrich Merz denken. Und es geht ja hier nur um mich, weil der Portugiese da vom EU-Rat, der Herr Costa, der darf da nicht mit Putin reden. Ich rede mit ihm, aber ich rede mit ihm aus einer Position der Stärke, denn mit jedem ukrainischen Drohneneinschlag liegt da Putin mehr am Boden und dann komme ich dann Friedrich Merz als Triumphator und kann ihm dann diese Siegesparaden in Berlin heimzahlen".
So kommt das in Russland an, meine Damen und Herren, оb es uns passt, ob es ihnen passt oder nicht. Und die Frage ist jetzt einfach, möchte man solche Assoziationen erzeugen oder sagt man sich einfach, ja, die Russen sind einfach "geisteskrank".
Wieder die Ehefrau von Charles Boyer, die Ingrigt Bergmann im Film "Gaslicht" (Gaslight). Als der Ehemann versucht, die Frau in den Wahnsinn zu treiben, geht immer nächtens in den Dachstock und läuft herum und sie hört diese Schritte und das Gas flackert, das Gaslicht flackert und wenn sie das ihrem Mann erzählt, sagt er ihr hinterher: "Nein, das bildest du alles ein Schatz".
Aber er möchte sie um den Verstand bringen und glaube sich ihrer Geld in die eigene Tasche abzuzwacken. Darum nennt man das Gaslichten. Man gaslichtet jemand.
"Ja, die Russen bilden sich da etwas ein. Sie glauben da das Gaslicht flackert. Sie hören da Stimmen oder Schritte auf dem Estricht. Sie bilden sich das ein. Der Rot, der Western hat doch nur friedlichste Absichten gegenüber Russland".
Das ist diese gefährliche Überlegenheit, die wir haben, die jetzt natürlich befeuert wird eben auch mit diesen NSDAP-Themen. Und ich habe diesen Schauspieler erwähnt, Matthias Neukirch, der eben hier sagt.
"Ja, die Vergangenheit wirkt bis heute nach und darf nicht einfach beiseitegeschoben werden. Das Thema hat durch den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine eine beklemmende neue Aktualität gewonnen. Auch die dortigen Kriegsverbrechen werden noch Generationen beschäftigen", - meint der Schauspieler.
Also mit anderen Worten, mit dieser Vergangenheitsaufarbeitung panzern wir uns moralisch, versetzen wir uns in einen Geisteszustand der moralischen Überlegenheit, mit dem wir dann besser geeignet sind und gerüstet sind, um gegen Russland zu kämpfen. Sozusagen die Wiedergänger unserer Großeltern der Nazis. Das wird hier wunderbar vorgeführt und das ist eine hochgefährliche Illusion, denn damit ist man vielleicht sogar verdammt dazu, die Denkfehler der Nazis zu wiederholen, die auch aus dieser Überlegenheit, aus dieser Geschichtsphilosophie, aus dieser Rassenmythologie heraus, sie stehen an der Krone der Schöpfung, sich berufen fühlt, neben diese Untermenschen im Osten zu unterjochen. Allzu weit entfernt von diesem Denken ist man heute nicht.
Die Rede des russischen Präsidenten. "Oder es gibt kein Russland", warnt Putin.
Er hat in seinen Interviews jetzt kürzlich mit dem russischen Fernsehen eingeräumt, dass es Probleme gibt, aber man sei bestimmt die Ziele zu erreichen und man werde die innenpolitischen und wirtschaftlichen Probleme lösen. Und Putin sagte, und das wird nicht überall zitiert, ich wiederhole: "Russland kann nur eine starke und unabhängige Macht sein. Entweder ist es das oder es gibt kein Russland".
Das ist die Dimension, in der Putin denkt und nach meiner Beurteilung und darum besorgt mich ja dieses moralinbesoffene Größenwahnsinnige Verhalten da auf westlich europäischer Seite so sehr. Für die Russen ist das eine existentielle Sache. Für unsere Seite ist es keine existentielle Sache. Aber man hat daraus fast so etwas gemacht und sich in dieser ganzen ebenen Verblendung in eine Konfrontation hineingeredet, der man nicht gewachsen ist.
Vorbereitung auf den Ernstfall. Bundeswehr bestellt 8400 Leichensäcke. Die Bundeswehr will 8400 Leichensäcke beschaffen. Wofür genau bleibt geheim ? Die Ausschreibung sorgt für Spekulationen über Kriegsvorbereitungen und Katastrophenschutz.
Meine Damen und Herren, als wenn es noch einen eine Anekdote einer Anekdote bedurft hätte und das etwas zu untermauern, was ich seit einigen Tagen hier in der Sendung sage, dann haben Sie hier diese Meldung aus der Berliner Zeitung - 8400 Leichensäck. Meine Damen und Herren, ich glaub, man muss wirklich anfangen jetzt vor allem in Deutschland, im wichtigsten Land sich ernsthaft mit der Möglichkeit eines neuen Weltkriegs in Europa auseinanderzusetzen.
Vielen herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
Originalbeitrag Weltwoche Daily International