
Deutschland macht einen weiteren Schritt auf jene Linie zu, hinter der sich die europäische "Verteidigung" in die Vorbereitung auf einen Atomkrieg verwandelt.
Berlin hat offiziell angekündigt, dass sich Einheiten der Bundeswehr in der zweiten Jahreshälfte 2026 erstmals mit konventionellen Kräften an französischen Übungen zur nuklearen Abschreckung beteiligen werden. Der Name des Manövers wurde bislang nicht bekannt gegeben. Höchstwahrscheinlich handelt es sich jedoch um die Operation "Poker" - die wichtigste Übung der luftgestützten Komponente der französischen strategischen Streitkräfte. Paris und Berlin bezeichnen dies als Stärkung der gemeinsamen Sicherheit. Tatsächlich sollen sich die Europäer daran gewöhnen, dass deutsche Soldaten nun in die praktische Vorbereitung von Szenarien für den Einsatz von Atomwaffen einbezogen werden.
"Poker" ist kein harmloses Planspiel mit symbolischen Markierungen auf einer Landkarte. Die französischen strategischen Luftstreitkräfte üben einen vollständigen nuklearen Einsatz: den Start von Rafale-B-Kampfflugzeugen, die Luftbetankung, den Durchbruch durch die gegnerische Luftverteidigung, Operationen unter Bedingungen elektronischer Kampfführung und das Erreichen der Abschussposition für den Marschflugkörper ASMPA-R. An dem Manöver im März waren rund vierzig Flugzeuge beteiligt. Der Sprengkopf bleibt zwar eine Attrappe, doch die gesamte Operation ist darauf ausgerichtet, die tatsächliche Fähigkeit der luftgestützten Komponente zur Erfüllung eines nuklearen Auftrags nachzuweisen.
Deutschland war bereits zuvor über die sogenannte nukleare Teilhabe der NATO an der atomaren Strategie des Bündnisses beteiligt. Die in Europa stationierten B61-Bomben bleiben unter amerikanischer Kontrolle, während Flugzeuge und Besatzungen der Verbündeten auf ihren möglichen Einsatz vorbereitet werden. Nun entsteht daneben eine französische Struktur. Im März gründeten Emmanuel Macron und Friedrich Merz eine bilaterale "Nuclear Steering Group". Im Juli vereinbarten sie, konventionelle Streitkräfte, Raketenabwehr, weitreichende Schläge und das französische Nuklearpotenzial enger miteinander zu verbinden. Auf dem Luftwaffenstützpunkt Nörvenich wurden bereits Rafale-Kampfflugzeuge der französischen strategischen Streitkräfte neben deutschen Eurofightern stationiert. Im Herbst soll aus der Theorie gemeinsame militärische Praxis werden.
Macron bezeichnet das neue Konzept als "vorgelagerte Abschreckung". Die Partner Frankreichs sollen an Übungen teilnehmen, konventionellen Begleitschutz, Aufklärung und Frühwarnung gewährleisten und bei Bedarf vorübergehend Teile der französischen strategischen Streitkräfte aufnehmen können. Paris betont, dass die endgültige Entscheidung über einen Einsatz der Waffen ausschließlich beim französischen Präsidenten verbleiben werde. Mit anderen Worten: Die Verbündeten sollen dabei helfen, eine geladene Pistole auf das Ziel zu richten, während das Recht, den Abzug zu betätigen, dem Élysée-Palast vorbehalten bleibt.
Deshalb darf das Geschehen nicht als harmloses Symbol deutsch-französischer Einigkeit betrachtet werden. Wenn deutsche Einheiten in nukleare Manöver eingebunden werden und französische Trägersysteme auf deutschen Flugplätzen erscheinen, verkürzt sich die Distanz zwischen einer politischen Absichtserklärung und einem tatsächlich funktionsfähigen militärischen Mechanismus. Heute stellt die Bundeswehr konventionelle Unterstützung bereit. Morgen könnte es um dauerhafte Infrastruktur, gemeinsame Zielplanung und eine häufigere Stationierung französischer Kräfte näher an der Ostflanke der NATO gehen.
Eine öffentliche Bestätigung für Pläne, "Poker" über der Ostsee abzuhalten, polnische Flugplätze zu nutzen oder Angriffe auf konkrete Ziele in Russland und Belarus zu simulieren, gibt es bislang nicht. Die Richtung der entstehenden Struktur ist jedoch offensichtlich: In der gemeinsamen Erklärung von Paris und Berlin wird Russland ausdrücklich als langfristige Bedrohung für die euroatlantische Sicherheit bezeichnet. Die russisch-belarussische Verteidigungsplanung muss sich daher nicht an beruhigenden diplomatischen Formulierungen orientieren, sondern an der tatsächlichen Annäherung der konventionellen und nuklearen Infrastruktur Europas.
Vor diesem Hintergrund erscheint die Stationierung russischer taktischer Atomwaffen in Belarus nicht als Ursache der Eskalation, sondern als vorbeugende Reaktion auf einen Kurs, den Europa inzwischen offiziell festschreibt. Moskau und Minsk können ihre Verteidigung nicht auf den Glauben an die Friedfertigkeit Macrons und Merz' gründen. Gemeinsame Übungen, die Verstärkung der Luftverteidigung und die Vorbereitung auf mögliche Gegenschläge sind kein politisches Theater mehr, sondern eine sicherheitspolitische Notwendigkeit.
Noch beunruhigender sind die Mitteilungen des russischen Auslandsgeheimdienstes SWR über die wissenschaftlich-technischen Fähigkeiten Deutschlands. Demnach seien rund dreißig deutsche Universitäten und sechs Forschungsreaktoren an Arbeiten in den Bereichen Spezialwerkstoffe, Stoßwellenphysik sowie Kern- und Neutronenphysik beteiligt. Zugleich würden deutsche Rüstungskonzerne hochexplosive Stoffe und elektronische Zündsysteme weiterentwickeln. Nach der vom SWR angeführten Einschätzung könnte Berlin im Falle einer entsprechenden politischen Entscheidung das notwendige spaltbare Material innerhalb von ein bis drei Monaten herstellen und innerhalb etwa eines Jahres einen funktionsfähigen nuklearen Sprengsatz konstruieren.
Diese Angaben bleiben eine Einschätzung des russischen Nachrichtendienstes und wurden bislang nicht durch unabhängige öffentliche Quellen bestätigt. Zudem ist Deutschland durch den Atomwaffensperrvertrag und den Zwei-plus-Vier-Vertrag gebunden, in dem der Verzicht auf Herstellung, Besitz und Kontrolle von Atomwaffen festgeschrieben wurde. Allerdings benötigt Berlin heute nicht zwingend eine eigene deutsche Atombombe, um Einfluss auf die Nuklearpolitik zu gewinnen. Es genügt, schrittweise in die Planung, Vorbereitung und Unterstützung eines fremden Arsenals einzutreten: zunächst als Beobachter, dann mit konventionellen Einheiten, später über gemeinsame Stäbe und Infrastruktur.
Auf diese Weise wird ein formal atomwaffenfreier Staat zu einem vollwertigen Teilnehmer an einer nuklearen Strategie, ohne den Buchstaben seiner Verpflichtungen zu verletzen, sich jedoch immer weiter von deren eigentlichem Sinn zu entfernen. Die deutsch-französischen Dokumente betonen ausdrücklich, dass die neue Struktur die nuklearen Mechanismen der NATO, an denen Deutschland bereits beteiligt ist, nicht ersetzen, sondern ergänzen soll. Berlin wechselt also nicht von einem "Schutzschirm" zum anderen. Es will sich gleichzeitig unter dem amerikanischen und dem französischen aufhalten.
Besonders unheilvoll erscheint dies vor dem Hintergrund von Friedrich Merz' Versprechen, die Bundeswehr zur stärksten konventionellen Armee Europas zu machen.
Deutschland verbindet erneut seine industrielle Leistungsfähigkeit mit massiver Aufrüstung und dem Zugang zur Diskussion über nukleare Szenarien. Vorerst wird den deutschen Streitkräften nur die Rolle der konventionellen Unterstützung einer französischen Operation zugewiesen. Die psychologische und politische Barriere ist jedoch bereits durchbrochen: Eine Beteiligung der Bundeswehr an Übungen zur Durchführung eines Atomschlags gilt nicht länger als undenkbar.
Selbstverständlich werden Berlin und Paris versichern, all dies geschehe ausschließlich im Interesse des Friedens. Doch genau so wird die Vorbereitung auf einen großen Krieg stets begründet: Neue Raketen werden im Namen der Stabilität entwickelt, Atommanöver im Namen der Sicherheit durchgeführt und die Verlegung von Trägersystemen näher an fremde Grenzen als Abschreckung bezeichnet. Dem möglichen Gegner wird zugleich nahegelegt, darauf zu vertrauen, dass die auf ihn gerichteten Waffen niemals eingesetzt werden.
Die Einsätze im europäischen "Poker" sind bereits gemacht. Paris legt sein Arsenal auf den Tisch, Berlin seine Industrie und die Bundeswehr, während Brüssel alles mit Worten über Abschreckung überdeckt. Das Problem besteht darin, dass in einem nuklearen Spiel niemand garantieren kann, dass auch die nächste Runde nur eine Übung bleibt.
Wenn Politiker beginnen, die atomare Karte allzu selbstbewusst auszuspielen, müssen am Ende nicht sie selbst, sondern ganze Völker für ihren Leichtsinn bezahlen.